
Studieren im Zeitalter von ChatGPT
Wie ich für meine Prüfungen lerne, welche Tools ich nutze und wie ich dabei KI verwende
Für Prüfungen zu lernen ist eigentlich immer lästig. Im Internet findet man unzählige Beiträge darüber, wie das menschliche Gehirn am besten lernt, und es gibt viele Expertinnen und Experten, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Ich gehöre definitiv nicht dazu und habe mich nur wenig damit auseinandergesetzt, aber nach einigen Jahren Studium habe ich für mich persönlich herausgefunden, wie ich am effektivsten für Klausuren lerne.
Grundsätzlich lege ich für jedes Modul einen Ordner in der Cloud an, die den Studis zur Verfügung steht. So werden meine Uni-Dateien automatisch zwischen Laptop und Smartphone synchronisiert.
Auch wenn ich im Semester meist ziemlich fleißig bin und viel lerne und mitnehme, ist es am Ende der Vorlesungszeit oft so, dass ich alle Vorlesungsfolien nochmal durcharbeiten und verstehen muss. Diese werden in den allermeisten Modulen in meinem Studiengang als PDF zur Verfügung gestellt. Es wäre natürlich sinnvoll, wenn ich die Vorlesungen bereits im Semester nacharbeiten und bereits dann alle Details verstehen würde, aber meist fehlen mir dafür Informationen, die erst in nachfolgenden Vorlesungen gegeben werden und manchmal wird auch erst am Ende klar, worauf die Vorlesung überhaupt hinauswill.
Dies tue ich fast ausschließlich digital: Ich lade alle Folien herunter, öffne den Ordner des Moduls in VS Code und öffne die Vorlesungsfolien in einem Fenster auf der rechten Bildschirmhälfte. Auf der linken Bildschirmhälfte öffne ich ein Markdown Dokument und mache mir Notizen zu den Folien.
Markdown ist meiner Meinung nach besonders geeignet dafür, weil man sich nicht, wie in Word oder Latex, Gedanken über Formatierung machen muss. Mathematische Formeln können als Latex Snippets eingefügt werden und Bilder können ebenfalls einfach eingefügt werden, ohne dass das Dokument kaputt geht.
VS Code benutze ich, weil es gute Unterstützung beim Markdown schreiben und eine Live-Vorschau der Datei bietet. Die PDFs können ebenfalls in VS Code geöffnet werden, und wenn der Ordner nach einem Neustart erneut geöffnet wird, sind dieselben Dateien geöffnet wie zuvor, das Fensterlayout bleibt erhalten und das PDF zeigt die richtige Seite an.
Oft gibt es in den Vorlesungsfolien Diagramme oder Grafiken, die sehr wichtig sind und in meine Notizen müssen, es sich aber überhaupt nicht lohnt, sie abzuzeichnen oder zu beschreiben. In solchen Fällen mache ich einen Screenshot und füge ihn in das Markdown Dokument ein. Ich verwende gerne vorinstallierte Programme oder Tools wie Greenshot, die es erlauben, einen Ausschnitt vom Bildschirm zu wählen und den Screenshot sofort in die Zwischenablage kopieren. So muss ich nur die "DRUCK" Taste drücken, das Diagramm auswählen und im Markdown-Dokument "CTRL+V" drücken, was extrem schnell geht.
Im Allgemeinen versuche ich aber, nicht einfach nur Screenshots zu machen, sondern meine eigenen Gedanken aufzuschreiben und auch Formeln abzutippen, weil ich mir die Inhalte dann besser merken kann.
Es ist allgemein bekannt, wie gut LLMs wie ChatGPT und Deepseek mittlerweile sind. Wenn ich Rückfragen zu der Vorlesung habe oder es bei einer Folie völlig unklar ist, worum es überhaupt geht und jeglicher Kontext fehlt, kann ChatGPT sehr gut weiterhelfen. Auch hier ist es nützlich, Screenshots einfach mit CTRL+V in das Eingabefeld einfügen zu können oder bereits abgetippte Formeln aus dem Markdown Dokument herauszukopieren.
Github Copilot ist in VS Code integriert und lässt sich auch für Markdown verwenden, wodurch es Sätze und Formeln vervollständigen kann, oder genau wie die Webversion von ChatGPT für Fragen verwendet werden kann. Das ist insofern nützlich, dass es Github Copilot als Teil des Github Student Pakets kostenlos gibt. Bei der Autovervollständigung ist aber meiner Meinung nach Vorsicht geboten, weil sie einen dazu verleiten kann, nicht genauer über den Text nachzudenken oder falsche Formeln zu übernehmen, weshalb ich diese lieber deaktiviere.
Da ich pro Vorlesung ein Markdown Dokument anlege, sammeln sich bis zur Klausur einige Dateien an. In den Tagen vor der Klausur möchte ich meine Notizen nochmal durchgehen und dafür ist es nervig, sich durch etliche Dateien durchklicken zu müssen und das nur auf dem PC tun zu können, weil nicht alle Geräte von Haus aus Markdown anzeigen können.
Um dieses Problem zu lösen, habe ich MDFusion implementiert: Ein kleines Python-Modul, dass alle Markdown-Dateien in einer Ordnerhierarchie sammelt, zusammenführt und als PDF exportiert. Das Tool kann über pip installiert werden und unterstützt viele Anpassungsmöglichkeiten, die über Kommandozeilenargumente übergeben oder in einer Config-Datei abgelegt werden können. Der Source Code befindet sich auf Github und näheres dazu beschreibe ich hier in einem Blogpost.
Das Ergebnis ist ein ansprechendes Latex-PDF mit automatisch generiertem Inhaltsverzeichnis, das sich leicht mit anderen teilen lässt und das ich in den Tagen vor der Prüfung ein paar mal in Ruhe durchlese, bis ich die Details im Kopf habe und es für den Überblick überfliegen kann. Der entschiedene Nachteil ist, dass die Zusammenfassung je nach Modul extrem lang werden kann und es mir beinahe körperliche Schmerzen bereitet, kurz vor der Klausur noch ein halbes Buch lesen zu müssen.

Meist sind nicht nur die Vorlesungsinhalte, sondern auch die Übungsblätter aus dem Semester klausurrelevant. Häufig gibt es auch Altklausuren, die ich vorher bearbeiten möchte. Für beides nutze ich ebenfalls das beschriebene System aus Markdown-Dateien und mdfusion, wodurch ich am Ende zwei weitere PDFs mit allen Übungsblättern und Altklausuren habe, die ich mir zum Wiederholen anschauen kann. Dafür lohnt es sich, die Aufgabenstellung mit in die Markdown-Dokumente reinzukopieren, um diese ebenfalls überfliegen zu können.
Die meisten Klausuren in meinem Studiengang sind darauf ausgelegt, dass man die Inhalte versteht und Fragen dazu beantworten kann und Aufgaben lösen kann. Die Inhalte und Formeln, die ich dafür auswendig lernen muss, bleiben bei mir meistens beim Sichten der PDFs am Ende hängen, wodurch das System für mich ausreicht.
Für Module, in denen man extrem viel auswendig lernen muss, ist diese Methode wahrscheinlich keine gute Idee. In solchen Fällen habe ich auf Anki zurückgegriffen. Das Programm lässt einen digitale Karteikarten erstellen und fragt einen ab.
Mein Laptop ist eigentlich ein Convertible, auf dem ich mit einem Stift schreiben könnte. Dafür nutze ich gerne Xournal++, mit dem man z. B. direkt in PDFs schreiben kann. Seit mein Touchscreen jedoch defekt ist, habe ich festgestellt, dass ich ohnehin deutlich schneller bin, wenn ich meine Notizen in Markdown tippe, statt sie handschriftlich zu verfassen.
Das beschriebene System ist kein Patentrezept, hat sich für mich aber als zuverlässig erwiesen. Entscheidend ist für mich persönlich, eine klare Struktur zu haben, in der Notizen, Übungsaufgaben und Altklausuren gut organisiert sind und sich schnell wiederfinden lassen.
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